Maix Mayer

Texte

African Tales

Maix MayerAfrican TalesGallery EIGEN + ART Berlin (7. November – 21. Dezember 2013)

In seinen Arbeiten und Installationen untersucht Maix Mayer Konfigurationen unterschiedlicher narrativer Modelle von Fiktion und Realität. Als immer wieder neu hergestellte Matrize wird dabei das Zusammenspiel von Medien/Kunst und Architektur benutzt. Ausgehend von seiner naturwissenschaftlichen Ausbildung bilden seine Arrangements mediale Versuchsanordnungen zur Wahrnehmung von Zeit und Raum.

"African Tales" ist nach dem 2011 begonnenen filmischen Essay "Archipel_Z" seine zweite künstlerische Arbeit, die in Tansania spielt. Während sich seine erste Arbeit mit dem Erbe der deutschen Kolonialzeit, dem Afrofuturismus und den ideologischem Wettlauf der Blocksysteme in den 60er und 70er Jahren beschäftigte, in dem "architektonische" Entwicklungshilfe als eine Art Stellvertreterkrieg geführt wurde (die DDR exportierte das Haussystem WBS_70 nach Zanzibar und die BRD schenkte Dar es Salaam 1000 Einfamilienhäuser), wird in "African Tales" nach kulturellen Widerstandmodellen (Learning from Afrika?) gegen die zunehmende globale Homogenisierung an Hand des eigenen Afrikabildes gesucht.

Im Zentrum der Ausstellung steht eine Filmvorstellung in einem kleinen Videokino in den Außenbezirken der Hauptstadt Dar es Salaam, die auch Bongo (Swahili = Gehirn) genannt wird. Wer es dort schafft (in einem urbanen System voller Gefahren und Möglichkeiten) zu überleben, besitzt viel "Bongo". Um zu diesen kleinen Videokinos zu gelangen, muss man das von Abriss bedrohte koloniale Zentrum der Stadt verlassen und in die labyrinthischen informellen Sektoren der Stadt eintauchen, vorbei an Wegen und Häusern, die in keinem Kompendium der Bautypologie zu finden sind. Diese Gebiete sind weit entfernt von den Stränden der Mittelklasse, wo an Wochenenden die Strandverkäufer mit Hausmodellen die Ufer bevölkern.

Das Veejaying* des Film- und Kinoerzählers Captain Derek Gaspar Mukandala* alias Lufufu, der in einem Anbau seines Wohnhauses im Stadtteil Vingunguti ein Videokino betreibt, steht Im Mittelpunkt der Arbeit Maix Mayers. In Afrika haben Kinoerzähler nach dem Ende des Stummfilms bis in die Gegenwart überlebt. Besonders das BEKE* Programm (1935-39) der britischen Kolonialverwaltung und des WMC* untersuchten als missionarisches Projekt, wie für das Bantu-Publikum unterhaltsame und bildende Filme produziert werden könnten, um die Region in eine "moderne" Kolonie zu verwandeln. Diese Wanderkinos benötigten Kinoerzähler (Laienübersetzer), um die Vielfalt der lokalen Sprachen abzudecken. Die Übersetzer erzählen die Geschichten der Filme vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebenswelt und transformieren damit die fremden globalen Produkte in einen lokalen Kontext. Sie sind dabei gleichzeitig Erzähler, Kommentator, Erklärer, Sprechstimmendarsteller, Übersetzer, Entertainer und Vertreter des Publikums. Die Kinoerzähler vermischen in einem plurimedialen Akt (performativ-expressiv) live den Originalton mit einer weiteren eigenen Audiospur (Kommentar, Übersetzung). Für das Publikum verhindert das unbequemes Sitzen und die im Raum vorherrschende Helligkeit das klassische "Eintauchen" in die Illusion des Filmes. Der Kinoerzähler agiert als eine Art Guide durch den Originalfilm, der diesen nur sprechen lässt, wenn er will und kreiert ein neues narratives Genre zwischen Wort und Bild, indem das Visuelle des Filmes seine Vorherrschaft verliert. Damit setzt das Kinoerzählen auch die Vorstellung von der Vorherrschaft der globalisierten Bilder außer Kraft. Dem Charakteristikum der Massenmedien, Botschaften in identischer Form über große Räume weltweit zu verbreiten, werden lokale Realitäten und Aneignungsprozesse entgegengesetzt. Auch der Aufbau eines nichtlizensierten DVD-Distributionssystem mit den neuen gemasterten Swahili-Versionen der ursprünglichen chinesischen Raubkopien setzt der global operierenden Medienindustie mit dem auf Maximalprofit orientierten Copyrightsystem ein Widerstandsmodell entgegen.

Maix Mayer zeigt in einer einzigen Filmeinstellung (85 min) das Veejaying des DDR Kinderfilms "Ein Schneemann für Afrika" (1977) durch Captain Mukandala vor lokalem Publikum. Die Aufnahme reduziert die visuellen Bildelemente und verlagert die filmische Erzählung von der Leinwand hin zu den Zuschauern im Videokino. Für uns europäische Betrachter dieser Szene entsteht der plurimediale Akt des Kinoerzählens durch die atmosphärisch hybride Audiospur und durch das Lesen der deutschen Untertitel als Übersetzung des Sprechaktes.

Das Beispiel der Geschichte des wahrscheinlich einzigen DDR Spielfilmes mit "afrikanischen" Darstellern offenbart die Schwierigkeiten der Produktion eines "sozialistischen modernen" Afrikabildes. Die in Leipzig geborene Hauptdarstellerin des afrikanischen Mädchens Asina kam aufgrund einer Suchanzeige nach "afrikanischen Kindern" in einer Tageszeitung zum Film. Ein Jahr nach der Filmpremiere wanderte sie mit der Familie zum Klassenfeind nach Hamburg aus, wo sie später Architektur studierte. Die Filmaufnahmen entstanden auf dem Schiff MS Wismar, in Bulgarien und auf der Insel Rügen. Um die Geschichte in Afrika realistischer zu verorten, wurden vom Dokumentarfilmstudio der DDR Filmaufnahmen aus Afrika zur Verfügung gestellt. Auf diese ungewöhnliche Zusammenarbeit bei einem Spielfilm wird im Vorspann kurz verwiesen.

Neben der Filmprojektion ergänzt die Mix-Media-Kollektion "Ein Schneemann in Afrika" die Ausstellung. Maix Mayer übergab zwei eigene fotografische Serien (Schneemänner aus Leipziger Parks und urbane Szenen aus Tansania) lokalen Künstlern zur Überarbeitung im Tingatinga - Malstil*. Ergänzt wird dies von einer in Auftrag gegebenen Skulptur eines "afrikanischen" Schneemannes und der filmischen Dokumentation einer Schneemann-Performance.

*

Veejay = Video - DJ
BEKE = Bantu Educational Kinema Experiment
WMC = World Missionary Council

Captain Mukandala = Sein Markenzeichen ist der Hut, den er von seinem Großvater geerbt hat. Da er bis zu seiner Pensionierung in der Armee diente und immer eine Kopfbeckung trug, fühlt er sich ohne Hut "nackt", wie er es im Gespräch mit Maix Mayer formulierte. Er hat nach eigenen Angaben schon 2000 Filme "übersetzt" und gilt als der erste tansanische Kinoerzähler

Tingatinga = Malstil benannt nach dem 1972 verstorbenen Maler Edward Said Tingtinga, der als erster tansanischer Künstler gilt, der in Europa wahrgenommen wurde. Sein Markenzeichen war die Verwendung von billigem Fahrradlack, der Motive der Natur (z:B.: die großen 5 afrikanischen Tiere: Löwe, Giraffe, Nilpferd, Elefant, Antilope) , der Landschaft und des Dorflebens für westliche Touristen malte. Heute arbeiten ca. 300-500 Künstler in Tansania in diesem Stil, von denen ca. 90 im gleichnamigen Studio als Cooperative in Dar es Salaam organisiert sind. Die Vertreter kopieren, duplizieren und leihen sich Motive und Stilvariationen gegenseitig aus, so dass oft identische Bilder von unterschiedlichen Malern existieren. Die meisten Maler kommen vom Land und sind nicht typische Künstler im modernen westlichen Verständnis. Der Tingtinga - Stil widersteht der Klassifikation und erinnert uns, das was wir als Kunst wahrnehmen, unsere eigene vorherrschende westliche Konstruktion ist, die Markenzeichen von Originalität und Authentizität.

Raumbuch

Maix MayerRAUMBUCHGalerie EIGEN + ART Berlin (07.05.2011 - 18.06.2011)

Maix Mayer beschäftigt sich in seinen Arbeiten und Installationen mit Modellen von Fiktion und Realität, meist im Zusammenhang mit Medien/ Kunst und Architektur. Seine Ausstellungen wirken dabei oft wie Versuchsanordnungen zur Wahrnehmung von Zeit und Raum.

In der Galerie EIGEN + ART Berlin zeigt Maix Mayer die Medieninstallation RAUMBUCH. Sie basiert auf einer zweijährigen Arbeit über den 4. Erweiterungsbau der Deutschen Nationalbibliothek an ihrem Leipziger Standort, der durch die Stuttgarter Architektin Gabriele Glöckler realisiert wurde.

Im vorderen Raum der Galerie wird eine fünfteiliges Videoarrangement zu sehen sein, das die unterschiedlichen Räume der Nationalbibliothek, nämlich die Lesesäle, Depots, den Museumsbereich und die Arbeitsplätze noch vor der Inbetriebnahmen zeigen. Als fünfter Teil wird der Film "Telelift" gezeigt, der das Magazin aus der Sicht des Buches vom Depot bis zur Ausgabe an den Leser beschreibt. Es werden die innere Logik der Gebäudefunktionen und die verborgene Infrastruktur des Gebäudes filmisch aufgezeichnet. Der Film ist eine Form der Kartierung der für den Bibliotheksnutzer unsichtbaren Räume der Bibliothek und zugleich eine reale und imaginäre Reise, ein "Roadmovie" durch die Deutsche Bücherei.

Im oberen Galeriebereich wird eine Fototapete gezeigt werden. Sie ist die Generierung eines raum-zeitlichen Musters, das durch die Aufarbeitung von ca 7.000 Fotografien von Maix Mayer entstanden ist. Dieses Muster ist als Gegenentwurf zu einer Publikation zu sehen, die den Blick der Auftraggeber und der Architektin auf das Gebäude wiedergibt und nur ausgewählte Bilder des Gebäudes zeigt.

Habitat

Maix MayerhabitatGalerie EIGEN + ART Leipzig (19.01.2008 - 19.04.2008)

Nach den Filmen "canyon" 2006 und "abg" 2007 setzt Maix Mayer in "habitat" 2008 seinen Filmzyklus fort, der das Thema der Urbanität mit Fragestellungen der Wahrnehmung verschränkt. Ausgehend von seinem Interesse an den Methoden der Naturwissenschaften und den Sprachsystemen des Kinos und der bildenden Kunst konstruiert Maix Mayer seine Arbeiten."habitat" spielt in einer Form von Parallelhandlung auf zwei Inseln in zwei Kulturkreisen, die zwei komplementäre Teilhabitate von Nord- und Südhalbkugel bilden. Diese so unterschiedlichen Orte werden durch reale und imaginäre Reisen des filmischen Protagonisten miteinander verknüpft. Ein Unterwasserlabor, eine asiatische Metropole, das Meer und die architektonischen Solitäre einer fast unbekannten DDR - Moderne (Ulrich Müther) bilden den Handlungsraum. Der Hauptdarsteller im Film führt seine Suchbewegungen innerhalb dieser Zonen aus. Die offenen und geschlossenen kapselförmigen Filmarchitekturen, zeitgenössische urbane Räume, und die landschaftlichen Ausblicke bilden ein komplexes Beziehungsgeflecht. Erhöhte Sichtstandpunkte wandeln sich zu Aussichtsplattformen des Selbst. Der Filmheld als moderner Archäologe von Raumbildern der Gesellschaft, bei deren Dechiffrierung wir ihn und uns beobachten.Ein geschichtlicher Rückblick: der israelische Architekt Moshe Safdie baute für die Weltausstellung 1967 in Montreal die Wohnanlage „Habitat" . Dieser Bau war inspiriert von japanischen Architekten, die unter der Bezeichnung Metabolisten zusammengefasst wurden. Sie übertrugen den Gedanken des Lebenszyklus', von Geburt und Wachstum, auf Städtebau und Architektur, was in schwimmenden Städten und anderen städtebaulichen Utopien endete. Maix Mayers "habitat" bindet dieses geschichtliche Potential an unsere Gegenwart zurück. Die von Schrumpfung betroffenen Regionen der nördlichen Hemisphäre und die Wachstumszonen der südlichen Hemisphäre bilden ein paradoxes Kontinuum.Der Film „habitat" ist eine magische Reise, ein Roadmovie mit einem modernen Martin Mc Fly, der nicht „Zurück in die Zukunft", sondern zurück in eine surreale Gegenwart fliegt.