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Maix Mayer
Notation zur Knolle der Moderne
Galerie EIGEN + ART Berlin
Ausstellung: 21. Februar - 16. März 2019


Metamorphosen der Moderne

Glattes Eis
Ein Paradeis
Für Den, der gut zu tanzen weiss.
(F. Nietzsche, Fröhliche Wissenschaft, Vorspiel 13)

Knolle_2 

Maix Mayers Thema ist die Ambivalenz, die Unkenntlichkeit der Kenntlichkeiten in einer Zeit, der die Gewissheiten mehr und mehr abhandenkommen. Es geht ihm um die Bedingungen der Existenz der Menschen in den urbanen und suburbanen Räumen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Im Sinne der fröhlichen Wissenschaft Nietzsches hat er sich auf die Suche gemacht nach visuellen und akustischen Aphorismen, die sich zu einer Erzählung über das Erbe der Moderne zusammenfügen. Filmbilder, Fotografien, Stadtmodelle, eigene Texte, Zitate der großen Denker der Spätmoderne wie Hannah Ahrendt, Marc Augé über Adorno, Bloch und Benjamin, Roland Barthes, Siegfried Kracauer, auch Anlehnungen an filmische Strategien von Chris Marker oder J.-L. Godard werden zu installativ medialen Collagen montiert, die im Ausstellungsraum gleichsam körperlich erlaufen werden müssen. Die Ausstellung als Bilder-Labyrinth, von keiner Stelle eine Übersicht. Sich bewegen von Projektion zu Projektion, die eingelesenen Texte über drahtlose Kopfhörer empfangen, Bilder und Texte synästhetisch aufnehmen, sich verlieren in den Strömen der Informationen und der Poesie und dabei selbst zu denken beginnen: den Assoziationen folgen und dem mäandernden Denken des Autors Maix Mayer das eigene an die Seite stellen. Nicht weniger wird von dem Betrachter erwartet. Aber auch nicht mehr.

M. M. zitiert Henri Michaux: Man träumt nicht mehr, man wird geträumt, Schweigen.

Dafür erfindet er höchst elaborierte Raumkompositionen, die, wo möglich, vom konkreten Ort des Geschehens, dem sogenannten Genius Loci ausgehen. So etwa barosphere_3 in der Rostocker Kunsthalle, dem einzigen Museumsneubau der DDR von Peter Flierl. 1969 eröffnet, ist diese Kunsthalle ein herausragendes Beispiel qualitätvoller Baukultur der DDR-Moderne und damit selbst Akteurin von barosphere_3. M. M. wählte für seine Intervention den heute mit Glas überdachten White Cube, die einzige relevante bauliche Veränderung des originalen Gebäudes – einst ein offener ebenerdiger Innenhof, der die Bauvolumen ausbalancierte. Die wie eine Theaterbühne eingezogene Ebene war mit einem polygonalen Blendmuster (dazzle) beklebt. Diese Grafik, die als eine Art Karte erscheint, hatte M. M. in einer Kombination von mathematischen und subjektiv interpretatorischen Arbeitsschritteauf der Grundlage seiner Recherchen zu Bauten der Ostmoderne in Mecklenburg-Vorpommern entworfen. Auf diesem Muster wurden mehrere szenische Performances aufgeführt, die mit zwei verschieden positionierten Kameras aufgenommen wurden, um sie später am gleichen Ort in einer Doppelprojektion präsentieren zu können. Die Kunsthalle wurde so zum mehrfachen Handlungsträger in der Produktion von Real- und medialem Raum.

Im Grunde sind diese elaborierten visuell-akustischen Installationen so etwas wie Versuchsanordnungen für ein evokatives Geschichtsbewusstsein. Es geht nicht um statisches Wissen und nicht um künstlerischen Habitus, nicht um in sich schlüssige Gesamterzählungen und schon gar nicht um Stilfragen. Es geht um Wahrnehmung, um eine Anschauung als höchste Form des Erkennens, um die Metaphysik des Sozialen am Bilde des Architektonischen.

Die Arbeit von M. M. entsteht in kollektiver Zusammenarbeit mit den Darstellern, die aus den Orten der Aufnahmen stammen, mit Kostümdesignern und Filmleuten. Auch die weiblichen und männlichen Sprecher der Texte des Autors sind mit Bezug auf diese Orte gewählt. In barosphere_3 verliest z. B. Charly Hübner als phänotypischer Nord-Ostdeutscher die Reflexionen von M. M. über die Moderne im Norden der DDR. Und Thomas Krüger rezitiert noch einmal sein Paradestück aus ostdeutschen Tagen: die Ursonate von Kurt Schwitters. Dazu Walter Womackas Gemälde Junges Paar am Strand, Ulbrichts Lieblingsbild, die Ikone der sogenannten DDR-Kunst. M. M. inszeniert es am Meer mit Freunden gleich mehrfach als tableaux vivantes und macht Briefmarken daraus als ironische Tiefenschürfungen im kollektiven Bewusstsein, Bildpolitik des Gehirns.

2016 begann M. M. mit dem Werkzyklus barosphere_1–3, mehrkanaligen Videoinstallationen mit Texten. baros- phere_1 entstand während des Stipendiums in der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom. Alles existiert dort nebeneinander: die barocken Paläste, wie der von Familie Barberini mit den Bienen im Wappen, Berninis Treppenhaus und dem gigantischen Deckengemälde von Pietro da Cortona. Macht, Religion und daneben die Metaphysik der Moderne, das Erbe der Futuristen, Italianità, die Bildwelten de Chiricos, Verlorenheit, Leere und zugleich Behauptung des Rationalen, Neo-Klassischen in der Architektur des italienischen Faschismus. In Mussolinis Stadtgründungen und vor allem im römischen EUR-Quartier ist all das gegenwärtig. Was tut M. M.? Er filmt eine Frau mit einem Hund an langer Leine. Sie laufen durch EUR, messen die gigantische Machtrepräsentation der Architektur am menschlichen Format. Keine Menschen, keine Autos, nur Kulisse, Hund und die Frau mit der Leine. Das ist ein poetisches Bild, getönt von melancholischem Humor. Wie B. B. dichtete: Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Oder das blau gekachelte ehemalige Postamt von Sabaudia, eine der Retortenstädte Mussolinis, ein Werk von Angiolo Mazzoni. Ist das faschistische Architektur? Oder ein Triumph des Rationalismo? M. M. lässt die Frage offen. Le Corbusier hingegen fand die ganze Stadt zu romantisch. Und der Sprecher im Film verlautet: Vielleicht ist das Rationale nur ein System unter vielen.

Wie zum Beweis kommt eine dritte Ebene ins Spiel: das Sommerhaus, das die Aktrice Monica Vitti und der Regisseur Michelangelo Antonioni sich Ende der Sechziger an der Costa Paradiso auf Sardinien bauen ließen. Eine Art dekadentes Liebesnest, ein Kuppelhaus mit zwei Etagen, gespritzt nach dem Betonschalverfahren Binishell des Architekten Dante Bini. Illustriertenromantik in futuristischem Gewand. Heute auf dem Weg zur Ruine.

Selbsttragende Betonschalwerke faszinieren M. M. schon seit Langem. Der Ingenieursbaukunst von Ulrich Müther (1934–2007) aus Binz auf Rügen hat er mehrere Arbeiten gewidmet, zuletzt 2017 den Film Schalenterritorien, der auch die Geschichten von Abriss und Zerstörungen mancher dieser ungewöhnlichen Häuser nach 1990 erzählt. So wie die von dem berühmten Ahornblatt, der zu den Weltfestspielen 1973 eingeweihten Gaststätte in Berlin, die sich als Symbol des Wiederaufbaus auch auf einer Briefmarke abgebildet fand. M. M. hat im Archiv von Ulrich Müther recherchiert. Seither wissen wir, was es zur Eröffnung in Berlin zu essen und zu trinken gab (Deutsches Pilsner, Weinbrand normal und Deutscher Doppelkorn).

Die Theorien des französischen Ethnografen Marc Augé von den Orten und Nicht-Orten und seine Ethnologie der Einsamkeit haben das Denken von Maix Mayer über die soziale (Dys-)Funktion von urbanen Räumen beeindruckt. Diese Nicht-Orte – Flughäfen, Transiträume, Flüchtlingslager, Konsumtempel oder Hotelketten – sind Orte des Ortlosen. Sie verfügen über keine individuelle Identität, haben keine gemeinsame Vergangenheit und schaffen keine sozialen Beziehungen. Sie sind Zeichen kollektiven Identitätsverlusts. Der Nicht-Ort, schreibt Augé, ist das Gegenteil der Utopie; er existiert und er beherbergt keinerlei organische Gesellschaft. (Marc Augé, Nicht-Orte, München, 3. Au . 2012, S. 111)

Die drei Teile des barosphere-Projekts tragen dazu bei, die Utopien und Dystopien kenntlicher zu machen. Teil 2 spielt im Industrierevier von Ostrava (Ostrau) in Tschechien. Die verschiedenen Phasen der Industrialisierung und Deindustrialisierung hinterließen hier deutliche Spuren in Architektur und Kunst im städtischen Raum. Ort des Geschehens von barosphere_2 ist das stillgelegte Stahlwerk, das als Industriedenkmal UNESCO-Weltkulturerbe ist und eine Kunsthalle beherbergt, in der die Präsentation stattfand. Die marmorierten Papiere aus dem Stahlwerksarchiv hat M. M. auf Tapetenformat vergrößert und in das Ausstellungsfoyer geklebt. So bleibt auch hier das Kleine nicht klein.

Man kann alle diese Assoziationsketten entwirren und die Motive auf die Ursprünge zurückführen. Aber man muss das nicht tun. Nichts daran ist Bedeutungs-Huberei. Maix Mayer, als Künstler wie als Wissenschaftler gleichermaßen gebildet, vollbringt immer wieder das Wunder, höchst komplexe Zusammenhänge tänzerisch auf glattem Eise in reine Poesie aufzulösen. So fallen die Grenzen zwischen Kunst und Dokument, Fiktion und Wirklichkeit, medialem und realem Raum. Wir dürfen uns einmal befreit fühlen: durch Kunst.

Text von Matthias Flügge 

MM_Tapete 

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