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Carsten Sievers
STUTZEN
Galerie EIGEN + ART Berlin
2. März - 15. April 2017

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Traditionell geht es im Minimalismus um eine Evokation von Inhaltslosigkeit und Leere, um eine Entspannung des Blicks, um eine „totale Identität als Objekt“, wie es die amerikanische Kunsttheoretikerin Rosalind Krauss einmal ausdrückte. Ohne sich auf die Diskursrhetorik einzulassen, die heute mit der Auseinandersetzung mit dem minimalistischen Erbe einhergeht, schreibt sich Carsten Sievers mit seinem Werk spielerisch in diese Tradition ein. Zugleich aber lädt er seine Arbeiten mit einer ihr gegenläufigen auratischen Tiefe auf. Sievers’ Werk basiert auf den künstlerischen Tätigkeiten des Faltens, Schichtens und Schneidens und auf der Idee einer opulenten Serialität, die die minimalistische Ästhetik fortschreibt und sie zugleich im realen Leben verortet.    

Die Ausstellung „STUTZEN“ versammelt Arbeiten aus zwei neuen Werkgruppen. Es sind Arbeiten, die an den doppelten Sinn des titelgebenden Wortes denken lassen, an das Konsterniert-Sein und an das Zurechtschneiden. Die Objekte der ersten Werkgruppe bestehen aus gebrauchten Aludibond-Platten, die einmal als Werbetafeln an Schweizer Straßen dienten. Für den Betrachter sind nur die gelben Rückseiten der einstigen Werbeträger zu sehen, die mit einer Klebefolie vor Wind und Wetter geschützt waren. Sievers legt das Material in einem aufwändigen Prozess in zehn Schichten übereinander. Die neu entstandenen Platten werden dann noch einmal übereinandergeschichtet und so „gefaltet“, dass dichte skulpturale Objekte entstehen, deren Oberflächen im Ausstellungslicht glänzen. Beim genaueren Hinschauen zerstören diese Objekte jedoch den Eindruck der perfekten Oberfläche, jenem minimalistischen Fetisch, vielmehr geht eine große Lebendigkeit von ihnen aus. Deutlich rückt die silberglänzende Halterung der Objekte in den Blick und auch die Oberfläche weist zunächst kaum wahrnehmbare Kratzer, Beulen und Gebrauchsspuren auf.    

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Für die Arbeiten der zweiten Werkgruppe verwendet Sievers Plexiglas, Saugnäpfe und Eisendraht. Wie die Aludibond-Objekte strahlen auch sie eine große Eleganz aus, die dem benutzten Material zuwiderläuft. Für die größte Arbeit dieser Werkgruppe hat Sievers durch Bohrungen mehrere hundert Saugnäpfe hinter zwei hochformatigen Plexiglasplatten angebracht. Da die Saugnäpfe an der Wand nicht halten, dient der zu seriellen Formen gebogene feste Draht als Halterung. Entfernt erinnert er an eine Schrift, ein ästhetisches Phänomen, auf das der Künstler in seinem Werk häufig zurückkommt. Der Hintergrund dieser Arbeiten sind Aktionen des zivilen Ungehorsams. Die Prototypen der Saugnapf-Objekte dienten Sievers dazu, Touchscreens im urbanen Leben zu überdecken und unnutzbar zu machen. Die hohe Adhäsionskraft der Saugnäpfe auf den glatten Bildschirmoberflächen sorgt dafür, dass sie nicht mehr zu entfernen sind. In einem besonderen Frustrationsmoment kann man durch das transparente Plexiglas aber noch erkennen, was auf dem Touchscreen vor sich geht.            
Sowohl die Aludibond- als auch die Saugnapfobjekte sind Fortführungen von konzeptuellen Erzeugungspraktiken, mit denen sich Sievers schon lange auseinandersetzt. Am prominentesten kommt dabei die „Faltung“ in den Blick, die der Künstler als ein „kosmologisches Modell“ versteht und die in diesen Werkgruppen vor allem im Sinne von „Assemblage“ und „Collage“ augenfällig wird.

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Carsten Sievers nimmt die minimalistische Ästhetik dabei mit großer Selbstverständlichkeit auf. Seine Objekte lassen an das Erbe von Frank Stella, Brice Marden, Donald Judd und Eva Hesse denken und spielen, ohne direkt auf dieses Erbe zu verweisen, mit dem Umstand, wie sehr es schon in unser visuelles Unbewusste eingedrungen ist. Die Arbeiten sind keine Hommagen, keine Zitate und auch keine Satiren. Stattdessen umweht sie ein ungewöhnlicher Geist der Unehrerbietigkeit und der Freiheit.

Text von Daniel Schreiber

 

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