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Lada Nakonechna
Entfremdungseffekt
15.11.2012 - 02.02.2013


Lada Nakonechna. Entfremdungseffekt

„Einen Vorgang oder einen Charakter verfremden heißt zunächst einfach, dem Vorgang oder dem Charakter das Selbstverständliche, Bekannte, Einleuchtende zu nehmen und über ihn Staunen und Neugierde zu erzeugen." (Bertolt Brecht, 1939)

Den jüngsten Arbeiten der ukrainischen Künstlerin Lada Nakonechna liegt der Begriff der Verfremdung ganz explizit und bewusst zugrunde. Ihre großformatigen Bleistiftzeichnungen Constructing the new landscape 1 – 11 (2012) und auch die dazugehörige Videoarbeit im ersten Raum der Ausstellung zeigen zunächst einmal Landschaftsszenen und Himmelstücke, harmonisch und überwältigend, ganz im Sinne der englischen Romantik des 19. Jahrhunderts, doch gleichzeitig künden die dunklen Wolken am Himmel einen nahenden Wetterumschwung, eine bedrohliche Störung der friedlichen Idylle an. Diese vollzieht sich in jedem Bild ganz radikal und abrupt: Von unten schiebt sich ein zweites Bild ins Blickfeld, schneidet die naturalistische Szene mit einer harten Horizontale entzwei und überdeckt den fernen Hintergrund. Stattdessen werden die unteren Körperhälften von uniformierten Polizisten, Straßenkämpfern und Demonstranten sichtbar, Gewehrläufe und geballte Fäuste, Strich für Strich in akribischer Kleinstarbeit vom Bleistift auf das Papier gebannt. Wie eine rauschende Bildstörung im Fernsehen oder die Internetseite, die sich nur langsam aufbaut, weil die Verbindung hakt, schiebt sich ein Bild über das andere. Doch der jeweilige Kontext der Szene oder die Gesichter der Protagonisten kommen nie gänzlich zum Vorschein, und auch ein verortbarer Schauplatz bleibt dem Betrachter verwehrt. Ganz im Brechtschen Sinne benutzt Lada Nakonechna den Verfremdungseffekt, um das vertraute Bild zu unterbrechen, eine Illusion zu zerstören und die Aufmerksam weg von der Handlung und auf die Betrachtung der Art und Weise, wie diese sich aufbaut, zu lenken.

Bereits 1914 verwendete der russische Formalist Viktor Šklovskij erstmalig den Begriff der Verfremdung (russisch: остранение / ostranenie). Šklovskij bezeichnete damit die Aufgabe der Kunst, mittels einer verfremdeten Darstellung der Welt eine neue Sicht auf gegebene Verhältnisse hervorzurufen. Später verwendete Brecht im Deutschen ebenfalls den Begriff der Verfremdung, der ins Russische dann fälschlicherweise aus dem Deutschen ins Russische als Entfremdung rückübersetzt wurde.

In der ukrainischen und auch in der russischen Sprache gibt es nur eine Übersetzung für die Wörter Entfremdung und Verfremdung. Sprachliche Irrtümer bei der Übersetzung deutscher Texte, wie etwa von Bertolt Brechts oder Karl Marx', der den Begriff der Entfremdung im Zuge seiner Kapitalismuskritik entscheidend geprägt hat, sind also vorprogrammiert. Lada Nakonechna macht sich dieses Faktum zunutze, in dem sie in ihre Rückübersetzung vom Russischen ins Deutsche bewusst noch einen weiteren Fehler einbaut und den Verfremdungseffekt zum Entfremdungseffekt werden lässt.

Per Definition bedeutet Entfremdung die Störung oder Aufhebung einer ursprünglichen, natürlichen Beziehung. In der Konsequenz wird der Betrachter, der dem vorgegebenen Weg durch die Ausstellungsräume folgt, im Korridor nun selbst zum Störfaktor, der das Bild verändert, verdeckt und manipuliert. Das Bild sind in diesem Fall Zitate aus Der Gute Mensch von Sezuan, dem Parabelstück von Brecht, in dem zwei völlig konträre Handlungsebenen – die jenseitige Welt der Götter und die vom Alltag des Dorflebens geprägte Welt der Bewohner von Sezuan – aufeinanderprallen und ineinander montiert (Appropriated Phrases, 2012) werden.

Das Extrahieren einzelner Wörter und Sätzen aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang nutzte die Künstlerin schon in früheren Arbeiten, doch waren es in It's been said before (2008) Phrasen aus Soap-Operas im ukrainischen Fernsehen, die sie so weit verfremdete, dass sie zu leeren, kalten Formen wurden. Als formale Objekte stehen auch die Zitate von Brecht leer im Raum, sie existieren sogar nur durch das Licht des Projektors, werden durch jeden Betrachter, der sich ihnen widmet, zerstört – und somit von ihrem ursprünglichen Sinn entfremdet.

Im dritten Teil der Ausstellung wird der Besucher vom stillen Betrachter zum bildgebenden Motiv: Wurden die unteren Bildhälften zuvor durch mediale Abbilder von Protestszenen bestimmt, die nach oben hin von naturalistischen Landschaftsszenen überschnitten waren, entsteht das vollständige Bild, das die raumfüllende Wandzeichnung Incomplete (2012) nur zur Hälfte vorgibt, nun erst durch den Betrachter selbst und seine Position im Raum. Der Betrachter wird nicht nur dazu aktiviert, sich im Sinne des V-Effekts mit den Figuren und dem Werk auseinanderzusetzen und die herrschenden Verhältnisse zu überdenken, er wird selbst ein Teil davon und bestimmt es mit. Wenn Künstler und Betrachter die Seiten tauschen und der Betrachter in ein Werk involviert wird, wie es Lada Nakonechnas stetes Anliegen ist, wer ist dann der Empfänger der Aussage, die von der Künstlerin nur in Form eines Impulses vorangestellt wird? Die Arbeiten in der Ausstellung sollen weder Antworten auf die Fragen geben, wie neue Methoden und Möglichkeiten in der Kunst auszusehen haben, noch geben sie vor, eine neue Art von Kunst zu sein. Sie zeigen nur die Versuche, Entwürfe und Schritte, welche die Künstlerin auf der Suche nach dieser neuen Methode vollzieht.

„Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß! Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!" (Epilog, Der gute Mensch von Sezuan)

Leonie Pfennig

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