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Birgit Brenner
Marshmallow Mood
Ausstellung: 17. September 2016 - 22. Oktober 2016
Galerie EIGEN + ART Leipzig

 

Leipzig 2016 I

Finale Perspektiven. Anmerkungen zur künstlerischen Arbeit von Birgit Brenner

Die in Berlin und Stuttgart lebende Künstlerin Birgit Brenner (*1964) zählt zu den wichtigsten Impulsgeberinnen ihrer Generation. In ihren Rauminstallationen, Collagen, Zeichnungen und Skripten erweist sie sich als unbestechliche Beobachterin des bundesdeutschen Alltags und seiner hierarchischen Machtverhältnisse. Dabei transformiert sie gesellschaftliche Grundkonstellationen in die Anschaulichkeit von Erzählungen, die im Spannungsfeld von Vorgabe und Freiraum ein unwiderstehliches Kopfkino im Betrachter auslösen. So bezeichnet sie sich selbst ganz folgerichtig als „Regisseurin ohne Filmteam"1, die vorzugsweise die Brüchigkeit von medial manipulierten Lebensentwürfen vor Augen führt. Trennungen, Entfremdungen, seelische Isolation und konsumistische Gier bilden das reichhaltige Ausgangsmaterial, aus dem sie ihre vom Ende her gedachten Dekonstruktionen aufbaut. Besonders hervorzuheben ist, dass dies nie aus einer zynischen Distanz heraus geschieht, sondern aus einer wissenden Melancholie über die Volten des Schicksals und die Begrenztheit der menschlichen Mittel. Jeder von uns ist gemeint, keiner bleibt verschont, alle zappeln zwischen Anspruch und Banalität – dieses emphatische Ernstnehmen einer nichtidealen Wirklichkeit bildet den tieferen Grund der künstlerischen Haltung Birgit Brenners.

Leipzig 2016 III 

Die Methoden der Umsetzung dieser Haltung sind zahlreich und finden ihre gültige Fassung nicht selten in der Auseinandersetzung mit den konkreten Konditionen des jeweiligen Projekts. Summarisch lässt sich festhalten, dass ihre bevorzugten Materialien wie Pappe, Paketband, Holzgestänge und Wandschrift einen bewusst provisorischen Charakter besitzen, der die Instabilität einer Versuchsanordnung unterstreicht. Ihre Arbeitsweise ist zupackend und präzise und betont in Schichtungen, Ausstreichungen und Überklebungen den Prozess der Entstehung. Wie bereits erwähnt, gelingt es ihr durch eine filmschnittartige Fokussierung zwischen Detail und Totale, Erinnerungsräume des Betrachters zu öffnen und dessen Biografie als produktiven Teil in die Leerstellen der Erzählung mit einzubeziehen. Insbesondere durch das Farbklima retuschierter Fotografien und durch ein ausgeprägtes Gespür für die Ambivalenz umgangssprachlicher Wendungen2 wird dabei das kollektive Bewusstsein als Fundus aktiviert, so dass sich über Abgründen immer wieder das trügerische Netzwerk einer gemeinsamen Generationserfahrung aufspannt. Und gerade weil die Künstlerin bei diesen Recherchen nicht vor neuralgischen Punkten eines tatsächlichen Schmerzes und einer intimen Nahsicht zurückschreckt, geraten ihre Arbeiten nie in die Nähe eines talkshowkompatiblen melodramatischen Voyeurismus. Sie legen den Finger in Wunden und haben keine Lösung. Sie sind idiosynkratisch, radikal und skeptisch gegenüber allen Verheißungen vom guten Ende.

Leipzig 2016 IV 

Dennoch erzeugen diese Arbeiten keine Mutlosigkeit, im Gegenteil. Ihnen eignet ein Maß an Lebensklugheit, das durch alle Ernüchterungen und Enttäuschungen hindurch zu reflexiver Ironie und Leichtigkeit befähigt. Diese illusionslose Abgeklärtheit imprägniert das Werk von Birgit Brenner geradezu gegen die Gifte, von denen es berichtet: Verlustängste, Trennungs- schmerz, Inferioritätsgefühle, Suizidgedanken. All diese Arten der Verzweiflung werden durch die Prägnanz ihrer Artikulation aushaltbar, ja sie münden mitunter in ein befreiendes Lachen. Das Wissen um die finale Katastrophe mindert offensichtlich den Erwartungsdruck des Gelingens und stärkt die Lust am Dasein, wie es ist. So gesehen, wirken die Arbeiten von Birgit Brenner als Realitätsverstärker für ein erwachsenes Publikum.

Harald Kunde

1 Worum es geht. Birgit Brenner und Daniel J. Schreiber im Gespräch, Katalog „Für immer und ewig", Kunsthalle Tübingen 2013, S. 93

2 Allein die suggestiven Titel der Kataloge rufen sofort ein entsprechendes Klischee-Repertoire herauf, etwa „Sie lacht oft ohne Grund", Stadthaus Ulm,2003/4; „Die besten Jahre", Galerie Eigen +Art Leipzig, 2005; „Beten hilft", Kunstverein Paderborn, 2007/8; „Alles in Zeitlupe", Kunstsammlung Jena 2012 oder eben „Für immer und ewig" (s.o.)

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