| Die
aktuelle Arbeit von Nina Fischer und Maroan el Sani, die in der Galerie
EIGEN + ART in Berlin gezeigt wird, besteht aus 10 Fotografien, aufgenommen
im März 2007 im Stedelijk Museum in Amsterdam, das sich zurzeit im
Umbau befindet. Nicht nur die Kunst wurde aus dem Museumsbau entfernt;
alle künstlichen Wände, das Balkenwerk, Deckenverkleidungen
und Böden wurden abgetragen. Seit der Eröffnung des Museums
im Jahr 1895 sind so die Basisstrukturen des Gebäudes zum ersten
Mal wieder sichtbar gemacht worden.
Die Fotografien von Nina Fischer und Maroan el Sani dokumentieren somit
über ein Jahrhundert der Geschichte des Museums, dessen Grundriss
dem symmetrischen Aufbau eines klassischen Adelspalastes folgt. Die Eingangshalle
des Stedelijk wird von einem großen Treppenaufgang, der in den ersten
Stock führt, dominiert. Von hier aus erhält man Zugang zu der
Ehrengalerie und kleineren Räumen mit Oberlichtern, die um die Treppenaufgänge
in langen Enfiladen angeordnet sind.
Es ist davon auszugehen, dass die Wände der Galerien früher
in verschiedenen Farben gestrichen und überall Vertäfelungen
angebracht waren. Farbige Putzreste sind allgegenwärtig auf den Fotografien
von Fischer / el Sani und auch Spuren der Vertäfelungen sind auf
einigen zu entdecken. Rechtwinkelige Platten auf den Böden verweisen
auf Heizungsabzüge, auf denen einst massige Sofas standen. Um 1938
entfernte Willem Sandberg, der später der Direktor des Museums wurde,
die gesamte Innenausstattung und ließ die Wände mit weißem
Stoff bedecken: dies markiert den Beginn des Stedelijk als modernes Museum.
Ende der 70er Jahre erreichte diese Phase ihre Apotheose. So wurde in
der Ehrengalerie zum Beispiel großformatige Farbfeldmalerei von
Barrnett Newmann gezeigt. Von ihm trug der damalige Direktor Edy de Wilde
die europaweit größte Sammlung zusammen, er erwarb aber unter
anderem auch Arbeiten von Ellsworth Kelly und Morris Louis. Die großformatigen
von ihnen wurden, wenn sie nicht in der Ausstellung waren, hinter Stellwänden
gelagert, so dass sie nicht über längere Distanzen transportiert
werden mussten. Natürlich war dies lange nach den Zeiten, in denen
die Galerie sogar Rembrandts Nachtwache Raum geben konnte, wie dies im
Jahr 1898 anlässlich einer großen Retrospektive der bedeutenden
Maler des 17. Jahrhunderts geschah.
Neben der Geschichte des Museums erinnern die Fotografien auch an frühere
Arbeiten von Fischer und el Sani, an das Aura Research Projekt aus den
Jahren 1994-2005. Im Zuge dieses Projektes fotografierten die Künstler
verlassene, jedoch erhaltene Häuser und Büros. Daneben montierten
sie Aufnahmen, die mittels einer in den 30ern von dem Russen Kirlian entwickelten,
fotografischen Technik entstanden sind und eine spezifische Aura einzufangen
und zu visualisieren suchen. Sie zeigen abstrakte, strahlenförmige
Lichtstrukturen. Wie Boris Groys über das Projekt schrieb, widersetzen
sich die Fotografien Benjamins Hypothese, dass eine Reproduktion der Aura
des Originals entbehrt. Stattdessen argumentiert er, die Künstler
kreierten eine Aura durch die Dokumentation derselben während ihrer
Besuche der leeren Räume. Doch das Projekt befasst sich auch mit
älteren Aura-Theorien aus theosophischen Kreisen um 1900, die erheblichen
Einfluss auf die ersten abstrakten Künstler wie Kandinsky hatten.
Die Idee einer weiten Aura geht mit abstrakter Kunst einher, da sie nichts
reproduziert und demnach ein purer, originärer (auratischer) Akt
ist.
In der niederländischen Kunst findet man auratische Formen –amorphe,
leuchtend farbige Formen- zum Teil im Werk von Theo van Doesburg, aber
besonders in den Gemälden des heute vergessenen Utrechter Pioniers
der Abstraktion, Janus de Winter, der 1916 seine erste wichtige Einzelausstellung
im Stedelijk hatte. In seinem gegenwärtigen ruinösen Zustand
erinnert das Innere des Stedelijks, zum Beispiel die auf der Fotografie
Nr. 10 dargestellte Ehrengelarie, eher an jene Tage, als an die nahe Zukunft
der Institution, die vor uns liegt. In gewisser Hinsicht deckt der enthüllte
Dekor an den Wänden die gesamte Geschichte dieser frühen, auratischen
Phase der Abstraktion bis hin zu der Periode, in der die flächendeckende
Farbfeldmalerei die Institution beherrschte, ab. Noch nach dem Höhepunkt
der Moderne hielten zeitgenössische Manifestationen der Abstraktion
das Museum in ihren Bann. Dies verdeutlicht zum Beispiel Niele Toronis
Pyramide aus kleinen Vierecken, die auf dem Dach über der Treppenhaus
Galerie 1994 angestrichen ist, zu sehen auf der Fotografie Nr. 9. Rückblickend
können die fleckigen Wände in dem Gebäude auch als eine
Intervention interpretiert werden, vor allem jetzt, da sie von Fischer
/ el Sani dokumentiert wurden. Tatsächlich hallen die Arbeiten von
Niele Toroni sehr passend in der Farbe der Wandbeschaffenheit nach, ungeachtet
der Streifen in einem anderen Raum Nr. 6, der an ein Werk von Daniel Buren
im Stedelijk erinnert. Doch man könnte auch an einen anderen Eingriff
in einen Museumsbau denken, so wie Santiago Sierras im Museum D’Hondt
D’Haenens in Belgien vor einigen Jahren. Er hinterließ den
verwunderten Besuchern ein komplett entkleidetes Museum.
Letztendlich ist ein entkleidetes Museum nicht anders als ein entblößter
Palast der Republik, um nur einen anderen Palast zu nennen, der bereits
Gegenstand im Werk von Fischer / el Sani war. Sie bewiesen, dass eine
Ruine fähiger ist, in die Geschichte einer Institution einzudringen,
als das Gebäude in seiner aktiven Funktion. Je mehr die Kunstwerke
die Präsenz und Tätigkeit eines Museums verschleiern, desto
mehr offenbaren ihre Rückstände von ihm. Ein Raum, der gewöhnlich
geworden ist, ein Raum, der ehemals Museum genannt wurde, behält
schließlich seine Museums-Aura.
Jelle Bouwhuis, Kurator, Stedelijk Museum Bureau, Amsterdam
//
Special Berlin Preview
The Rise
ein Film von NINA FISCHER, MAROAN EL SANI
1. Juli 2007
12 Uhr
Kino Arsenal
Filmhaus am Potsdamer Platz (Sony Center)
|